Leseprobe
Faith Elara: The Bridge of Lights
Der Prolog und das erste Kapitel, vollständig. Danach geht es im Buch weiter.
Das Leben besteht aus einer Reihe von Puzzleteilen. Die einzelnen Teile ergeben für sich genommen oft keinen Sinn, und doch spürst du eine Wahrheit in ihnen – selbst wenn du sie noch nicht begreifen kannst. Erst wenn du zurückblickst, beginnst du zu erkennen, dass jedes einzelne Teil dich auf den Weg geführt hat, den deine Seele schon immer gehen sollte – hin zu deiner höchsten Zeitlinie, zu deiner Bestimmung. Achte also auf die Puzzleteile. Nichts ist Zufall.
MEUM. TUUM. UNUM.
MINE. YOURS. ONE.
MEINS. DEINS. EINS.
333
Für meine FAMILIE! DANKE, dass ihr immer für mich da seid!
Prolog
Bevor es Namen gab, gab es Licht. Nicht die Art von Licht, die aus Sternen geboren wird. Nicht die Art, die zu Sonnen oder Feuer gehört. Etwas Älteres. Sanfteres. Lebendigeres. Es bewegte sich durch alles hindurch, ohne Widerstand, floss endlos durch einen Ort, an dem Zeit noch nicht existierte. Dort gab es keine Anfänge. Keine Enden. Keine Entfernung. Nur Gegenwart.
Und ihn.
Ich kannte ihn, bevor ich mich selbst kannte. Nicht sein Gesicht. Nicht seine Stimme. Es war ein Gefühl. Ein Wiedererkennen so vollkommen, dass es niemals mit etwas anderem verwechselt werden konnte. Er war der stille Puls unter der Ewigkeit. Die Wärme im Licht. Das Einzige, das sich immer wie Zuhause anfühlte. Wir existierten ohne Form, trieben durch endlose Ströme aus Gold und Silber, miteinander verwoben durch etwas, das tiefer reichte als Gedanken. Damals gab es keine Worte. Wir brauchten sie nicht. Zwischen uns war ein universelles Verstehen. Ich spürte, wie er sich mir näherte, und das Licht um uns herum wurde instinktiv heller, reagierte auf uns so, wie Wasser auf den Mond reagiert. Als würden wir dorthin gehören. Als würde es zu uns gehören. Und irgendwo in dieser Endlosigkeit verstand ich: Das würde nicht für immer so bleiben. Nicht auf diese Weise. Diese Erkenntnis trug keine Angst in sich. Nur Gewissheit. Es war bestimmt, dass wir hinabsteigen würden. Kleiner werden. Schwerer. Menschlich. Ich spürte das Gewicht zukünftiger Leben, die uns wie ferne Echos streiften: Hände, die sich fast berühren. Blicke, die sich in überfüllten Räumen begegnen. Leben, die mit Suchen verbracht werden. Momente des Findens. Momente des Verlierens. Schmerz. Liebe. Trennung. Rückkehr. Das Licht um uns herum veränderte sich, als würde das Universum selbst lauschen. Und dann— zum ersten Mal— hörte ich seine Stimme. Nicht gesprochen. Gefühlt. Tief in meinem Innersten.
Wirst du dich an mich erinnern?
Die Frage legte sich um meine Seele wie ein zitternder goldener Faden. Und augenblicklich kannte ich die Antwort. Nicht aus Hoffnung heraus. Sondern aus Wahrheit. Ich bewegte mich auf ihn zu, bis kein Raum mehr zwischen uns blieb. Nur Wärme. Nur Licht. Nur wir.
Immer.
Und plötzlich wurde ich mir der Verbindung zwischen uns bewusst. Eine goldene Schnur. Lebendiges Licht, gewoben aus etwas Ewigem. Sie spannte sich von ihm zu mir, von seiner Seele zu meiner, und glühte sanft in der Unendlichkeit um uns herum. Unzerbrechlich. Unberührt von der Zeit. Unberührt von Welten. Ich verstand sie instinktiv. Sie konnte niemals durchtrennt werden. Niemals zerbrechen. Ganz gleich, wie tief wir ins Leben fallen würden. Ganz gleich, wie verloren wir uns fühlten. Ganz gleich, wie oft wir vergessen würden. Diese Verbindung würde bleiben. Um uns zurückzuführen.
Wieder. Und wieder. Und wieder.
Dann öffnete sich das Universum um uns herum. Unendliche Wege entfalteten sich wie Flüsse aus Sternen. Leben warteten darauf, zu beginnen. Welten warteten darauf, betreten zu werden. Ich sah Fragmente dessen, was wir werden würden: Regen an Fenstern. Eine Brücke aus Licht. Hände, die durch Dunkelheit greifen. Augen voller Wiedererkennen. Eine Liebe so stark, dass sie selbst das Vergessen immer und immer wieder überleben würde. Und trotzdem wählten wir es. Nicht, weil es leicht sein würde. Sondern weil es wichtig war. Weil wir irgendwo in all dem Schmerz und all der Entfernung mehr werden würden, als wir vorher gewesen waren. Wir würden einander höher heben.
Wieder. Und wieder. Und wieder. Bis selbst die Dunkelheit sich an das Licht erinnerte.
Die Strömungen um uns herum wurden stärker und zogen uns langsam hinab— in die Zeit, ins Fleisch, in die zerbrechliche Schwerkraft menschlicher Leben. Da spürte ich Angst. Klein. Neu. Was, wenn die Welt uns verändern würde? Was, wenn wir zu viel vergessen würden? Was, wenn einer von uns aufhörte zu suchen? Das Licht um ihn wurde augenblicklich weicher und legte sich mit vertrauter Ruhe um mich. Und wieder fühlte ich seine Antwort, noch bevor das Universum selbst sprechen konnte.
Semper te inveniam. Ich werde dich immer finden.
Die Worte legten sich in die Ewigkeit wie ein Versprechen, geschrieben in das Gewebe der Existenz selbst. Ein Schwur älter als Sterne. Älter als Welten. Älter als Zeit. Und dann bewegte sich eine weitere Wahrheit zwischen uns. Uralt. Unerschütterlich. Nicht gesprochen. Erinnert.
Wir sind das Alpha und das Omega füreinander. Der Anfang. Das Ende. Und jedes Werden dazwischen.
Nihil hoc mutare potest. Nichts kann das jemals ändern.
Nicht Zeit. Nicht Entfernung. Nicht Tod. Nicht Vergessen. Nicht einmal die Welten, die darauf warteten, uns voneinander zu trennen. Denn welche Form wir auch annähmen … welche Leben wir auch betraten … welche Dunkelheit wir auch durchquerten— wir würden einander immer finden. In jedem Leben. Jeder Welt. Jeder Version der Wirklichkeit. Immer. Der Sog unter uns wurde tiefer. Realität formte sich. Leben warteten. Und zum ersten Mal spürte ich etwas Neues in mir erwachen. Nicht Gewissheit. Nicht Erinnerung. Etwas Sanfteres. Etwas, das selbst das Vergessen überdauern würde.
Faith.
Kein Name. Noch nicht. Eine Kraft. Eine Entscheidung. Ein Licht, stark genug, um auch in der Dunkelheit weiterzusuchen. Stark genug, zu glauben, bevor man sieht. Stark genug, ihn immer wieder durch die Ewigkeit zu finden. Und irgendwie wusste ich, dass er es auch fühlte. Das Universum bebte um uns herum und wartete. Dann legte sich seine Präsenz ein letztes Mal um mich, bevor der Fall ins Leben begann. Und ich hörte ihn. Klarer als alles andere.
Habe Vertrauen in mich.
Ein Lächeln erfüllte meine Seele.
Das werde ich immer.
Der Sog unter uns wurde stärker. Realität formte sich. Leben warteten. Das Letzte, was ich fühlte, bevor sich alles im Werden auflöste, war er. Und die Liebe zwischen uns, heller brennend als der Anfang selbst. Dann fielen wir in die Welt. Und vergaßen.
Für eine Weile.
Kapitel 1
Die Brücke des Lichts
Der Traum beginnt immer auf dieselbe Weise. Dunkelheit. Nicht die Art von Dunkelheit, die man sieht, wenn man die Augen schließt. Diese Dunkelheit fühlt sich … endlos an. Als würde ich in etwas treiben, das keine Ränder hat, keinen Anfang, kein Ende.
Alpha und Omega.
Für einen Moment gibt es nichts. Kein Geräusch. Keinen Boden unter meinen Füßen. Nicht einmal meinen eigenen Atem. Und dann— Licht. Es erscheint langsam, als würde es erwachen. Erst nur ein sanftes Glühen, kaum wahrnehmbar, das sich vor mir ausstreckt.
Eine Brücke. Aus Licht.
Sie schimmert, lebendig auf eine Weise, die ich nicht erklären kann. Nicht fest. Nicht unwirklich. Irgendetwas dazwischen. Ihre Oberfläche pulsiert sanft, als würde sie atmen. Als wüsste sie, dass ich hier bin. Ich hinterfrage es nicht. Das tue ich nie. Wie von selbst setze ich den ersten Fuß auf die Brücke. In dem Moment, in dem ich sie betrete, öffnet sich etwas. Wärme steigt unter mir auf, fließt in meinen Körper— meine Beine hinauf, durch meine Brust, in meine Arme. Doch es ist nicht nur Wärme. Es ist Bewegung. Energie. Sie stoppt nicht auf meiner Haut. Sie durchströmt mich. Meine Wirbelsäule hinauf. Langsam. Beständig. Unvermeidlich. Mein Atem stockt. Das habe ich schon einmal gespürt. Nicht nur hier. Irgendwo anders. An einem realen Ort. Der Gedanke flackert in mir auf, bevor ich ihn festhalten kann. Unter meinen Füßen summt die Brücke leise. Wie Musik. Wie Worte, getragen von Licht. Uralt. Vertraut. Knapp außerhalb meines Verstehens. Ich gehe weiter. Das Licht unter meinen Füßen pulsiert im Rhythmus mit etwas in mir. Oder vielleicht ist es umgekehrt. Ich kann nicht sagen, wo es beginnt oder wo ich ende. Und für einen Moment— gibt es keinen Unterschied. Ich bleibe stehen. Etwas spannt sich zwischen uns. Unsichtbar. Unzerbrechlich. Keine Kette. Kein Seil. Ein Faden. Golden. Lebendig. Er summt leise im Raum, als hätte er länger existiert als die Zeit selbst. Länger als Erinnerung. Länger als wir. Und dann— sehe ich ihn.
Er ist da.
Am anderen Ende der Brücke. Genau wie jedes Mal. Eine Gestalt, stillstehend, umgeben von Licht. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Niemals. Nur seine Umrisse— glühend, ruhig, realer als alles andere. Seine Arme sind leicht ausgestreckt. Wartend. Auf mich. Meine Brust zieht sich zusammen. Aber nicht aus Angst. Aus einem Gefühl des Wiedererkennens. In dem Moment, in dem ich ihn sehe, beruhigt sich etwas in mir. Nicht weil ich ihn kenne. Sondern weil er sich irgendwie, unmöglicherweise— wie Zuhause anfühlt. Nicht wie ein Haus. Nicht wie ein Ort. Sondern wie ein Zuhause, das man in seinen Knochen trägt, lange bevor man dieses Gefühl benennen kann. Die Energie in mir steigt wieder an, diesmal stärker, baut sich auf, dehnt sich aus. Sie steigt höher, erreicht meine Brust, füllt sie aus, bis es sich anfühlt, als würde Licht selbst gegen meine Rippen drücken und ausbrechen wollen. Und für einen Moment— steht alles still. Vollkommen still. Keine Gedanken. Keine Zweifel. Keine Trennung. Nur … Wissen.
Das ist Wahrheit.
Diese Erkenntnis wird nicht ausgesprochen. Sie existiert einfach. Und darin entfaltet sich etwas noch Tieferes. Wir sind keine Gegensätze. Wir sind nicht zwei getrennte Wesen, die über das Nichts hinweg nach dem anderen greifen. Wir gehören demselben Licht an. Diese Worte fühlen sich nicht an wie Gedanken. Sondern wie Erinnerungen. Die Energie schießt erneut durch mich, steigt höher, erreicht meine Kehle, meinen Geist— und plötzlich spüre ich es. Nicht nur mich. Alles. Die Brücke. Das Licht. Ihn. Verbunden. Als gäbe es überhaupt keine Entfernung zwischen uns. Als wäre Raum selbst nur eine Illusion, die ich noch nicht gelernt habe aufzulösen. Er bewegt sich nicht. Aber ich fühle ihn. Klar. Beständig. Gewiss. Wie ein Anker. Als hätte er dort schon immer gestanden. Wartend.
Sie kommt.
Der Gedanke gleitet in mich hinein, leise, aber unbestreitbar. Nicht meiner. Aber auch nicht getrennt. Der goldene Faden zwischen uns pulsiert einmal. Sanft. Hell. Lebendig. Und dann— trifft es mich. Kein Gedanke. Ein Wissen. Tief. Sicher. Unerschütterlich.
Du gehörst zu mir.
Diese Worte fühlen sich nicht besitzergreifend an. Sie fühlen sich wahr an. Wie etwas, das schon immer existiert hat— lange bevor ich es verstand. In dem Moment, in dem dieser Gedanke entsteht, antwortet etwas. Nicht laut. Nicht einmal in Worten. Aber ich höre es trotzdem. Klar. Beständig. Näher als meine eigenen Gedanken.
Ich gehöre zu dir. Eine Pause. Und dann— Das war schon immer so.
Mein Atem stockt. Mein Herz rast, die Energie steigt weiter, jetzt fast überwältigend, drückt gegen etwas in meinem Geist— und für einen Moment— fühlt es sich an, als würde sich etwas verändern, wenn ich mich völlig hingebe. Nicht nur hier. Überall. Der Gedanke erschreckt mich. Und genau in diesem Moment— zerbricht es. Das Licht flackert. Die Verbindung reißt. Die Energie stolpert, verliert ihren Einklang. Nein. Warte! Ich strecke instinktiv die Hand aus, zum ersten Mal steigt Panik in mir auf.
„Warte!“
Ich wache auf. Hart atmend. Die Dunkelheit meines Zimmers schließt sich um mich, schwer und fest. Meine Brust ist immer noch warm— zu warm— als hätte sich etwas in mir noch nicht ganz zurück an seinen Platz begeben. Ich presse meine Hand darauf. Das Gefühl bleibt. Schwach jetzt. Aber immer noch da. Wie ein Echo. Oder etwas, an das sich mein Körper erinnert … auch wenn mein Geist es nicht tut. Ich starre an die Decke, mein Herz rast noch immer. Derselbe Traum. Dieselbe Brücke. Derselbe Junge. Aber etwas war anders. Dieses Gefühl. Dieser Moment, in dem alles im Einklang war. Als nichts getrennt schien. Als wäre ich nicht nur im Traum … sondern mit etwas verbunden, das darüber hinausgeht. Der Gedanke jagt mir einen leisen Schauer über den Rücken. Ich atme langsam aus und versuche, mich zu erden. Es war nur ein Traum. Das ist es immer… oder? Meine Finger krallen sich in den Stoff meines Shirts. Die Wärme in meiner Brust pulsiert einmal. Sanft. Beständig. Wartend. Und zum ersten Mal— bin ich mir nicht sicher, ob der Traum etwas ist, das ich habe. Ich glaube, er ist etwas, an das ich mich erinnere. Kein Ort. Nicht nur ein Traum. Ein Versprechen. Ich richte mich langsam auf. Mein Zimmer liegt noch im Dunkeln, nur ein blasser Streifen des frühen Morgenlichts dringt durch die Vorhänge. Alles sieht normal aus in dieser zerbrechlichen Stunde, bevor der Tag vollständig beginnt. Mein Schreibtisch. Meine Bücher. Der Pullover, den ich gestern Abend über den Stuhl geworfen habe. Der Spiegel neben dem Kleiderschrank. Und dort— hängend an einem kleinen Haken neben dem Rahmen— mein silberner Orca-Anhänger. Er fängt das schwache Licht ein, als hätte er darauf gewartet, dass ich ihn anschaue.
Leise stehe ich auf und gehe durch das Zimmer. Der Boden ist kalt unter meinen nackten Füßen. Meine Finger schließen sich um den Anhänger. Glatt. Kühl. Vertraut. Ich liebe Orcas, seit ich denken kann. Nicht, weil sie schön sind. Obwohl sie das sind. Nicht, weil sie mächtig sind. Obwohl auch das stimmt. Ich liebe sie, weil sie loyal sind. Weil sie bei ihren Familien bleiben. Weil sie einander beschützen. Weil sie, egal wie weit sie reisen, immer zu wissen scheinen, wohin sie gehören. Könige des Meeres. Stark genug, um ganze Ozeane zu durchqueren. Treu genug, um nach Hause zurückzukehren. Als Kind habe ich stundenlang alles gelesen, was ich über sie finden konnte. Ich lernte, dass manche Orcas in Gefangenschaft nur einen Bruchteil der Lebensspanne erreichen, die ihnen in freier Wildbahn möglich wäre. Dieser Gedanke hat mir immer das Herz gebrochen. Ein Wesen, das dafür geboren wurde, Ozeane zu durchqueren, sollte niemals sein Leben damit verbringen, im Kreis zu schwimmen. In freier Wildbahn können manche Orcas viele Jahrzehnte leben, manchmal fast ein Jahrhundert. Sie erben Gesänge. Erinnerungen. Ganze Kulturen. Familien, die über Generationen hinweg verbunden bleiben. Eine Tatsache blieb mir stärker im Gedächtnis als jede andere.
Orcas finden immer zueinander.
Über unmögliche Distanzen hinweg. Über Jahre hinweg. Über ganze Ozeane hinweg. Irgendwie wissen sie immer, wo ihre Familie ist. Ich weiß nicht, warum mich dieser Gedanke immer so tief berührt hat. Vielleicht, weil ein Teil von mir glauben wollte, dass das auch für Menschen gilt. Dass diejenigen, die zu einem gehören, irgendwie den Weg zurückfinden. Egal, wie verloren man ist. Egal, wie weit man abdriftet. Oder vielleicht— sind die Menschen, die wir lieben, nie wirklich fort. Der Anhänger wird unter meinen Fingern leicht warm. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Daneben hängt noch eine andere Kette. Älter. Schlichter. Ein keltischer Knoten aus Silber, leicht dunkel geworden durch die Zeit. Er gehörte meiner Großmutter. Meine Mutter sagt, sie brachte ihn aus Schottland mit, eingewickelt in ein Taschentuch und versteckt in einer kleinen Holzschachtel, als wäre er etwas Heiliges. Oma erzählte mir früher Geschichten von nebelverhangenen Hügeln und uralten Steinkreisen. Von Burgen, die mehr Erinnerungen in sich trugen, als Mauern eigentlich tragen sollten. Von Orten, an denen der Schleier zwischen den Welten dünner war als überall sonst. Ich war klein, als sie mir diese Geschichten erzählte. Zu klein, um zu verstehen, warum sich ihre Stimme veränderte, wenn sie von ihrer Heimat sprach. Und doch erinnere ich mich an ihren Blick. Hell. Weit entfernt. Erfüllt mit etwas, das gleichzeitig schmerzte und heilte. Ich nehme den keltischen Knoten vom Haken und lasse ihn in meiner Handfläche ruhen. In dem Moment, in dem sich meine Finger darum schließen, streift mich etwas. Kein Gedanke. Keine eigene Erinnerung. Ein Gefühl. Wind. Kalt und wild. Der Geruch von Regen auf Stein. Salz, getragen von einem fernen Meer. Das tränenreiche Lachen einer Frau. Eine Hand, die gegen eine alte Mauer gedrückt ist, als würde sie sich von etwas verabschieden, das sie nie ganz loslassen würde. Dann ein plötzlicher Schmerz. Tief. Zart. Heimweh. Das Gefühl schießt so schnell durch mich hindurch, dass ich die Kette fast fallen lasse. Ich schnappe leise nach Luft. Und genauso schnell ist es verschwunden. Nur mein Zimmer bleibt zurück. Der Spiegel. Der Anhänger. Die Kette, die in meiner zitternden Hand liegt. Ich starre sie lange an.
„Was war das?“
Meine Stimme klingt viel zu laut in der Stille des Zimmers. Die Kette antwortet nicht. Natürlich nicht. Ich zwinge mich zu einem kleinen Lachen, doch es klingt dünn. Großartig. Jetzt werde ich also schon von Schmuckstücken heimgesucht. Vorsichtig lege ich den keltischen Knoten ab, obwohl ein Teil von mir ihn nicht loslassen will. Dann greife ich nach dem Notizbuch auf meinem Nachttisch. Die Seiten sind bereits voll. Brücken. Licht. Endloses Wasser. Immer wieder derselbe Traum, gezeichnet in verschiedenen Versionen. Manchmal ist die Brücke aus Gold. Manchmal aus Silber. Manchmal spannt sie sich über schwarzes Wasser. Manchmal verschwindet sie in den Sternen. Und immer— immer— steht am anderen Ende eine Gestalt. Ich habe vor Jahren aufgehört, anderen diese Zeichnungen zu zeigen. Schließlich kann man „Das ist seltsam, Faith.“ nur eine begrenzte Anzahl von Malen hören, bevor man entscheidet, dass manche Dinge sicherer sind, wenn man sie für sich behält.
Ich schlage eine leere Seite auf und beginne zu zeichnen, bevor ich zu viel nachdenken kann. Eine Linie aus Licht. Eine Brücke. Eine Gestalt. Und ohne es bewusst zu wollen, füge ich einen dünnen Faden zwischen uns hinzu. Golden. Unzerbrechlich. Mein Bleistift hält inne. Ich starre darauf. Etwas in meiner Brust antwortet leise. Nicht laut. Nicht beängstigend. Einfach nur da. Fast so, als würde es warten. Unten kracht etwas. Dann ruft Hope:
„Noah!“
Ich zucke zusammen. Der Bleistift gleitet mir aus den Fingern. So viel zu kosmischen Mysterien. Ich ziehe Jeans und einen weichen grünen Pullover an, bürste mir schnell die Haare und gehe nach unten. Schon auf halber Treppe steigt mir der Geruch von Toast und Kaffee entgegen. Die Küche ist bereits zum Leben erwacht. Mom steht an der Arbeitsplatte, trägt einen von Dads viel zu großen Pullovern, die Haare hinten locker hochgesteckt, während sie mit einer Hand Toast bestreicht und mit der anderen auf ihr Handy schaut. Dad sitzt am Tisch mit seinem Kaffee und der ausgebreiteten Morgenzeitung, als würde er offizielle Staatsgeschäfte führen. Noah steht vor dem Müslischrank und hält eine Packung hoch über seinen Kopf. Hope starrt wütend zu ihm hinauf, als wäre sie kurz davor, einen Krieg zu beginnen.
„Das gehört mir“, sagt sie.
Noah schaut auf die Packung. Dann auf sie.
„Da steht Familiengröße.“
„Ich bin Familie.“
„Ich auch.“
„Du hast deine gestern gegessen.“
„Ich glaube vor acht Uhr morgens nicht an Eigentum.“
Mom hebt nicht einmal den Blick.
„Niemand darf vor dem Kaffee philosophische Debatten über Müsli führen.“
Dad hebt seine Tasse.
„Ich unterstütze diese Regelung.“
Hope zeigt dramatisch auf Noah.
„Er unterdrückt mich.“
Noah schüttelt leicht die Müslipackung.
„Du bist zwölf.“
„Eben. Eine besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppe.“
Ich bleibe im Türrahmen stehen und beobachte sie. Für einen Moment hängt der Traum noch immer an mir. Goldenes Licht. Eine Brücke. Ein Junge, den ich nie gesehen habe und den ich trotzdem kenne. Dann bemerkt Noah mich.
„Faith. Entscheide das. Ist Müsli Privateigentum?“
Ich blinzle.
„Was?“
Hope dreht sich sofort zu mir.
„Sag ihm, dass er mein Müsli nicht klauen darf.“
Noah schnaubt.
„Es stand im Gemeinschaftsschrank.“
Mom dreht sich endlich um.
„Wenn einer von euch noch einmal Gemeinschaftsschrank sagt, werfe ich das Müsli weg.“
Hope schnappt hörbar nach Luft.
„Das würdest du nicht.“
Mom hebt eine Augenbraue. Hope senkt ihre Stimme.
„Doch. Würde sie.“ Ich lasse mich auf meinen Platz sinken und kann das kleine Lächeln nicht unterdrücken.
„Gib ihr das Müsli, Noah.“
Er starrt mich an, als hätte ich ihn persönlich verraten.
„Ich habe mehr von dir erwartet.“
„Nein, hast du nicht.“
„Stimmt.“
Er wirft die Packung auf den Tisch. Hope fängt sie triumphierend auf und schüttet sofort viel zu viel in ihre Schüssel. Dad senkt seine Zeitung gerade so weit, dass er mich ansehen kann.
„Du bist früh wach.“
Ich greife nach einem Stück Toast.
„Konnte nicht schlafen.“
Moms Gesichtsausdruck verändert sich sofort. Nicht dramatisch. Nur gerade genug, dass ich es bemerke.
„Schlechter Traum?“
Ich halte den Toast etwas fester.
„Derselbe wie immer.“ Die Küche wird für einen halben Moment still. Nicht ganz. Noah kaut weiter. Hope gießt noch immer Milch ein, als würde sie damit die Gesetze der Physik herausfordern. Aber Mom sieht mich mit dieser vorsichtigen Sanftheit an, die Eltern haben, wenn sie mehr fragen wollen, aber wissen, dass sie nicht zu sehr drängen sollten. Dad faltet die Zeitung ein Stück zusammen.
„Die Brücke wieder?“
Ich nicke. Hope hält mitten beim Eingießen inne.
„Die Leuchtende?“
Ich sehe sie an. „Du erinnerst dich daran?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Du hast sie ungefähr vierhundertmal gezeichnet.“
Noah setzt sich mir gegenüber.
„Fünfhundert. Mindestens.“
Hope zeigt mit ihrem Löffel auf ihn.
„Du gehörst nicht dazu.“
„Ich wohne hier.“
Fast muss ich lachen. Fast. Mom stellt mir eine Tasse Tee hin, obwohl ich nicht darum gebeten habe. Kamille. Honig. Allein der Geruch lässt etwas in mir weicher werden.
„Du musst nicht darüber reden“, sagt sie sanft.
„Ich weiß.“
Eine Pause. Dann lehnt Hope sich mit verengten Augen vor.
„War der mysteriöse Brücken-Typ wieder da?“
Ich verschlucke mich fast an meinem Tee. Noah grinst sofort.
„Da ist ein Typ?“
„Es gibt immer einen Typen“, sagt Hope, als wäre das selbstverständlich.
„Es gibt nicht immer einen Typen.“
„Du wirst jedes Mal rot, wenn jemand den Traum erwähnt.“
„Werde ich nicht.“
Noah zeigt auf mein Gesicht.
„Tust du gerade.“
„Ich hasse diese Familie.“
Dad blättert eine Seite der Zeitung um.
„Nein, tust du nicht.“
Er hat recht. Tue ich nicht. Hopes Blick fällt auf meinen Hals.
„Oh nein.“
Ich erstarre.
„Was?“
„Die Wal-Kette.“
„Es ist ein Orca.“
„Genau das sagen Wal-Menschen immer.“
Ich starre sie an.
„Orcas sind Delfine.“
Noah schaut langsam auf. Dad senkt wieder die Zeitung. Mom schließt die Augen, als wüsste sie schon, was jetzt kommt. Hope blinzelt.
„Was?“
„Orcas sind Delfine“, wiederhole ich. „Die größte Delfinart.“
Noah lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
„Ich bereue es, nach Müsli gefragt zu haben und stattdessen in Meeresbiologie gelandet zu sein.“
„Du hast nicht gefragt. Du hast geklaut.“
„Ich habe umverteilt.“
Mom zeigt mit dem Buttermesser auf ihn.
„Keine philosophischen Müslidiebstähle.“
Dad nimmt einen Schluck Kaffee.
„Nur fürs Protokoll: Ich wusste, dass sie Delfine sind.“
Ich sehe ihn an.
„Wirklich?“
„Nein.“
Hope bricht in Gelächter aus. Und trotz allem lache ich auch. Echt. Ein kleines Lachen. Aber echt. Das Geräusch überrascht mich. Mom bemerkt es. Natürlich bemerkt sie es. Ihr Gesicht wird wieder weich. Dann wandert ihr Blick zu dem keltischen Knoten, der jetzt um meinen Hals hängt.
„Du trägst heute Omas Knoten?“
Ich berühre ihn instinktiv. Die Erinnerung an Wind und Regen auf Stein flackert wieder in mir auf. Schwach. Fast verschwunden.
„Ja.“
Mom lächelt.
„Das hätte ihr gefallen.“
Dad lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
„Sie hätte dir wahrscheinlich gesagt, dass er an ihr besser aussah.“
Mom lacht.
„Das hätte sie.“
Hope grinst.
„Oma war legendär.“
„Das war sie“, sagt Mom. „Einmal hat sie vierzig Minuten lang mit einem Burghistoriker diskutiert, weil er eine Clan-Geschichte falsch erzählt hat.“
Noah sieht ehrlich beeindruckt aus.
„Hat sie gewonnen?“
Dad faltet die Zeitung zusammen.
„Natürlich.“
Mom lächelt in ihre Kaffeetasse.
„Sie hat immer gesagt, Schottland sei voller Orte, die sich an dich erinnern— selbst wenn du noch nie dort gewesen bist.“
Etwas in mir wird ganz still.
Orte, die sich an dich erinnern.
Ich blicke auf den keltischen Knoten hinab. Mein Daumen streicht über die silbernen Linien. Für den kürzesten Moment spüre ich es wieder. Kalter Wind. Salz. Stein unter meiner Hand. Dann nichts. Ich ziehe meine Hand schnell zurück.
„Faith?“, fragt Mom.
Ich blinzle zu ihr auf.
„Ja?“
„Alles okay?“
Ich zwinge mich zu einem Lächeln.
„Ja. Ich bin nur müde.“
Sie sieht nicht überzeugt aus. Aber sie lässt es dabei. Der Rest des Frühstücks geht laut weiter. Hope beschwert sich, dass Noah zu viel Orangensaft genommen hat. Noah argumentiert, dass Orangensaft keine Persönlichkeitseigenschaft sei. Dad verkündet, dass er keine Ahnung habe, wo seine Brille ist, während sie auf seinem Kopf sitzt. Mom sagt ihm das, ohne hinzusehen. Und ich sitze einfach da, beide Ketten auf meiner Brust— die mit dem Orca und die mit dem keltischen Knoten— und versuche so zu tun, als wäre alles normal. Versuche so zu tun, als wäre ich nicht aus einem Traum erwacht, der sich älter anfühlte als mein eigenes Leben. Versuche so zu tun, als würden Schmuckstücke keine Erinnerungen tragen. Versuche so zu tun, als würde sich ein Junge ohne Gesicht nicht wie Zuhause anfühlen. Aber unter dem Lärm, unter dem Lachen, unter dem Klirren von Tellern und dem Geruch von Kaffee und Toast— pulsiert die Wärme in meiner Brust. Sanft. Beständig. Wartend. Und irgendwie, noch bevor der Morgen den Traum ganz verschluckt, setzt sich eine seltsame Gewissheit tief in mir fest.
Wenn ich ihn jemals verlieren würde— würde ich ihn finden.
Oder vielleicht würde er mich finden. Der Gedanke ergibt keinen Sinn. Und trotzdem fühlt er sich älter an als Vernunft. Älter als Erinnerung. Älter als Angst.
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Faith Elara: The Bridge of Lights · The Bridge of Lights Chronicles, Band 1 · von Janine Havanci
Semper te inveniam.